Kürzlich haben wir, anlässlich einer Stele aus Daskyleion, gesehen, wie ein antikes Gestus über Jahrtausende hinweg weiterleben kann. Nun möchte ich genau dasselbe anhand einer weiteren Stele aus Daskyleion zeigen.
Daskyleion/Dascylium, die im Mittelalter untergegangene Hauptstadt der hellespontischen Phrygien im Perserreich, begann man 1952 auszugraben. 1965 wurden hier drei fein gearbeitete Stelen entdeckt. Aufgrund stilistischer Kriterien datiert man sie in die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr., in die Regierungszeit Artaxerxes’ I. (465–424), des Enkels Dareios’. Alle drei werden heute in den Archäologischen Museen von Istanbul aufbewahrt.
Die erste Stele — sie zeigt persische Magoi bei einem Tieropfer — haben wir bereits im vorhergehenden Beitrag kennengelernt.
Die zweite Stele zeigt zwei Szenen. In der unteren liegt ein vornehmer Mann auf einer klinē beim Gelage, während Diener ihm Speisen und Getränke reichen; neben ihm auf der Liege sitzt eine Frau in langem Schleier und mit Krone auf dem Haupt, die ebenfalls ein oder mehrere besonders hervorgehobene — vielleicht symbolische — Nahrungsmittel darbietet. Möglicherweise ist auch sie selbst eine symbolische oder jenseitige Gestalt. In der oberen Szene transportiert ein von Pferden gezogener Wagen, begleitet von zwei Figuren, eine große Truhe oder einen Sarkophag.
Die dritte Stele, schlank und hoch, wiederholt die Wagenszene, diesmal mit einer eindeutig als Sarkophag erkennbaren Last. Darüber zieht eine Prozession persischer, behelmter Reiter vorbei, von denen nur die Köpfe und die Hufe der Pferde erhalten sind; darunter verläuft eine vierzeilige aramäische Inschrift. Der Text wurde erstmals 1966 von André Dupont-Sommer publiziert und 2001 von André Lemaire in der Übersetzung revidiert:
𐡀𐡋𐡄 𐡎𐡋𐡌𐡄 𐡆𐡉 𐡀𐡋𐡍𐡐 𐡁𐡓 𐡀𐡔𐡉
𐡄𐡅 𐡏𐡁𐡃 𐡋𐡍𐡐𐡔𐡄 𐡄𐡅𐡌𐡉𐡕𐡊
𐡁𐡋 𐡅𐡍𐡁𐡅 𐡆𐡉 𐡀𐡓𐡇𐡀 𐡆𐡍𐡄
𐡉𐡄𐡅𐡄 𐡏𐡃𐡄 𐡀𐡉𐡔 𐡀𐡋 𐡉𐡌𐡋
’lh ṣlmh zy ’lnp br ’šy
hw ’bd lnpšh hwmytk
bl wnbw zy ’rḥ’ znh
yhwh ’dh ’yš ’l y‘ml
„Dies ist das Flachrelief von Elnap, dem Sohn des Ashay.
Er selbst fertigte seine Grabstele an. Ich beschwöre euch
bei Bel und Nabu, ihr, die ihr den Weg passiert,
lasst niemandem [ihr] Schaden tun!”
Zusammengenommen zeigen die drei Stelen drei verschiedene Register der Selbstrepräsentation der Elite im Persischen Reich: Die dritte stellt die schriftliche Selbstdefinition in den Vordergrund, die zweite drückt den Status und Lebensstil der Elite aus, während die erste religiöse Legitimation bietet. Vor diesem Hintergrund mag es überraschen, dass die Inschrift nicht auf Persisch, sondern auf Aramäisch ist – sowohl in Sprache als auch Schrift.
Persisch begann unter König Darius (522–486 v. Chr.) geschrieben zu werden, zunächst in Keilschrift, die über elamische Vermittlung aus dem Sumerisch-Akkadischen übernommen wurde, und später in einer vereinfachten Keilschrift, die auf Befehl Dariuses entwickelt wurde und deren 34 Zeichen überwiegend Laute darstellten. Diese Schrift war jedoch hauptsächlich auf monumentale königliche Inschriften und Siegel beschränkt. Für die tägliche Verwaltung trat eine wesentlich einfachere Schrift an ihre Stelle: Aramäisch.
Die persischen Großkönige erbten ein bereits „aramäisiertes“ Reich von den Assyrern. Im 8. Jahrhundert v. Chr. deportierten assyrische Herrscher die Bevölkerung eroberter aramäischer Stadtstaaten in Mesopotamien und Umgebung – wie das Königreich Israel – ins Herz des Reiches, nach Anatolien und Medien. Dadurch wurde Aramäisch zur allgegenwärtigen Lingua franca des Reiches und dank der gut ausgebildeten und mehrsprachigen Schreiber auch zur Verwaltungssprache. Das Neu-Babylonische Reich, das die Assyrer im 7. Jahrhundert stürzte, übernahm dasselbe System; und als Kyros der Große 539 v. Chr. Herrscher von Babylon wurde, war es nur natürlich, dass auch er die aramäische Schrift im restlichen Persischen Reich standardisierte.
Die persischen Satrapien wurden von den Großkönigen lokalen Eliten anvertraut. Nach den archäologischen Funden muss Daskyleion eine multikulturelle Metropole gewesen sein: Es wurden Inschriften in Babylonisch, Griechisch, Lykisch, Altpersisch (königliche Siegel) und Aramäisch gefunden – letztere bei weitem die zahlreichsten. Dies deutet darauf hin, dass zumindest die städtische Elite Aramäisch sprach. Selbst der Name Elnap bedeutet auf Aramäisch „El [der Gott] hat beschützt“. Und dies ist das älteste bekannte Monument, auf dem die persische Reichselite eine aramäische Inschrift verwendet.
Es dauerte nicht lange, bis die aramäische Schrift auf die persische Sprache angewandt wurde. Alexander der Große eroberte 330 v. Chr. das Persische Reich. Die persischen Könige und die von ihnen verwendete Keilschrift verschwanden, aber Aramäisch-Lese- und Schreibkenntnisse lebten neben Griechisch weiter. Als um 250 v. Chr. eine neue persische Dynastie an die Macht kam – die Parther, die Alexanders griechischsprachige Seleukiden-Nachfolger aus Iran vertrieben – übertrugen sie die Verwaltung des wiederbelebten Persischen Reiches mehrsprachigen aramäischen Schreibern. Die Verwaltungssprache war Persisch, wurde nun aber in aramäischen Buchstaben geschrieben: Daraus entstand die Pahlavi-Schrift, benannt nach dem persischen Begriff für Parthien, Parθava. Diese Schrift wurde von der sasanidischen Dynastie übernommen, die die Parther um 220 n. Chr. ablöste, und blieb bis zu den arabischen Eroberungen im 7. Jahrhundert in Gebrauch, als ein anderer Nachkomme der aramäischen Schrift – Arabisch – sie ersetzte.
Der Feueraltar aus dem 3. Jahrhundert, der im Museum des Naranjestan-Palastes in Shiraz aufbewahrt wird, wurde von Ebneon, dem Leiter des Harems, als Dankgabe für den Sieg des Großkönigs Schapur über die Römer gestiftet, wie es die persische Inschrift in Pahlavi-Schrift erzählt.
Die Pahlavi-Schrift wurde noch eine Zeitlang von den persischen Emigranten genutzt. Spuren davon finden sich in China, wo einige der Prinzen Zuflucht suchten, und – noch überraschender – in Südindien, wo persische nestorianische Christen über mehrere Jahrhunderte hinweg Kreuze mit Pahlavi-Inschriften errichteten.
Nestorianisches syrisches Kreuz in der Kirche der sogenannten Knanaya-Christen in Kottayam, im indischen Bundesstaat Kerala, datiert zwischen dem 7. und 10. Jahrhundert
Doch Pahlavi verschwand auch im Persien nie vollständig. Im 3.–4. Jahrhundert ließen die sasanidischen Könige das schriftliche Corpus ihrer Religion vom zoroastrischen Priesterstand zusammenstellen, selbstverständlich in Pahlavi-Schrift. Und Religion ist eine mächtige konservative Kraft. So wie armenische religiöse Texte in armenischen Buchstaben geschrieben wurden und jüdische in hebräischen, selbst über zwei Jahrtausende in Diasporen, die andere Sprachen sprachen, so wurden zoroastrische Texte in Pahlavi-Buchstaben geschrieben – und später gedruckt – seit etwa 1500 Jahren, während weltliche persische Texte auf arabische Schrift wechselten. Ein anschauliches Beispiel dafür sahen wir in Kerman, im kleinen Museum neben dem noch aktiven lokalen zoroastrischen Tempel.















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