Der Esel des Dionysos

Neben der aus einem Schildkrötenpanzer gefertigten Lyra bewahrt das Archäologische Museum von Tarent noch ein weiteres „verwandeltes“ Tier auf. Es handelt sich um einen Esel, der auf beiden Seiten je eine Weinamphore trägt, zugleich aber selbst eine Amphore ist. Genauer gesagt handelt es sich um einen Askos, ein Gefäß zur Aufbewahrung von Öl oder Salben. Warum nicht für Wein? Weil der Kopf des Esels als präziser Ausguss diente, durch den sich kostbare Öle sehr langsam, nahezu tropfenweise und ohne Verschwendung dosieren ließen. Bei Wein stellte sich eine solche Anforderung gar nicht.

Dennoch ist der Esel eng mit dem Wein verbunden – nicht nur wegen der beiden Weinamphoren, die er trägt, sondern auch deshalb, weil er um den Hals einen Kranz aus Efeu, Myrte und Lorbeer trägt, wie ihn die Teilnehmer des dionysischen Festzuges, des thiasos, Menschen wie Tiere, zu tragen pflegten.

Dionysos war der Gott der elementaren Kraft der Natur, der Befreiung von den Zwängen der Zivilisation und der Überschreitung aller Grenzen, und der Wein war das selbstverständliche Hilfsmittel seines Kultes. Das selbstverständliche Lasttier seiner Prozessionen war der Esel, den man für eigensinnig und unbezähmbar hielt und dem man eine ungezügelte Sexualität zuschrieb – genau jene Eigenschaften, die der thiasos feierte.

Auf einer weiteren attischen schwarzfigurigen Weinamphore aus den Jahren 525–500 v. Chr., die sich ebenfalls im Museum von Tarent befindet, sitzt Dionysos selbst auf dem Rücken seines Lieblingstieres mitten im Festzug, während vor und hinter ihm je ein nackter Satyr mit gewaltigem erigiertem Glied einherschreitet.

Dem Esel kam auch bei der Gestaltung von Trinkgefäßen eine herausragende Rolle zu. Ein Rhyton war ein Trinkgefäß, das man, solange es noch Wein enthielt, nicht abstellen konnte: Man musste es in einem Zug leeren, ganz ähnlich wie heute ein georgisches Trinkhorn. Solche Gefäße wurden häufig in Form von Tierköpfen gestaltet, besonders als Kopf des Esels, eines heiligen Tieres des Dionysos, wie dieses attische Exemplar aus der Zeit um 410–400 v. Chr., das ebenfalls im Museum von Tarent aufbewahrt wird. Am Hals des Esels steht eine in einen langen Mantel (Himation) gehüllte und auf einen Stab (Bakteria) gestützte Figur. Sie steht natürlich nur dann richtig auf ihren Füßen, wenn auch das Rhyton „richtig“ steht – mit der Öffnung nach oben und mit Wein gefüllt. In dieser Kleidung verkörperte die Figur den zum Gastmahl erscheinenden Bürger, dessen ruhige, zivilisierte Würde einen scharfen Kontrast zu den schreienden, ungebändigten Instinkten des Tieres bildet.

Ein ähnliches eselsköpfiges Rhyton befindet sich auch im Art Institute of Chicago. Es wurde zwischen 480 und 470 v. Chr. in Athen im Umkreis des Vasenmalers Douris geschaffen. Bereits auf seinem Hals sehen wir eine dionysische Szene: einen Satyr, der eine Mänade verfolgt.

Doch Dionysos lieh seinen Esel, wenn es nötig war, auch großzügig aus. Darauf beruht die beliebte komische Szene der griechischen Vasenmalerei „Hephaistos kehrt auf den Olymp zurück“.

Hephaistos, hässlich und lahm geboren, wurde von seiner Mutter Hera vom Olymp hinabgestoßen. Er fiel ins Meer, wo ihn die Meeresgöttinnen Thetis und Eurynome in ihre Obhut nahmen. In einer Unterwasserhöhle aufgewachsen, erlernte er das Schmiedehandwerk und wurde zum größten Kunsthandwerker der Welt. Danach sandte er seiner Mutter auf den Olymp einen wunderschönen Thron aus purem Gold. Hera setzte sich voller Bewunderung darauf, doch in diesem Moment sprangen zahlreiche Fesseln aus ihm hervor, und sie konnte sich nicht mehr von ihm erheben.

Alle olympischen Götter versuchten, sie zu befreien, doch ohne Erfolg. Zeus ließ daraufhin Hephaistos ausrichten, er solle kommen und seine Mutter befreien, doch der gekränkte Hephaistos antwortete, er habe keine Mutter.

Alle Götter versuchten mit ihren eigenen Mitteln, Hephaistos auf den Olymp zurückzubringen, doch sie scheiterten. Dionysos hingegen drängte ihn nicht, sondern bot ihm seinen besten Wein an. Hephaistos wurde betrunken, woraufhin Dionysos ihn auf seinen Esel setzte und ihn inmitten des thiasos auf den Olymp brachte. Dort befreite der wieder nüchtern gewordene Schmiedegott schließlich seine Mutter vom Thron, allerdings nur unter sehr harten Bedingungen.

Diese Szene sehen wir auf dem Säulenkrater des Museums von Lecce, einem Mischgefäß für Wein und Wasser, das zwischen 450 und 425 v. Chr. in Athen im Umkreis des sogenannten Orpheus-Malers hergestellt wurde. Eine Bakchantin, die vor dem Esel des betrunkenen Schmiedegottes hergeht, weist mit zwei Fackeln den Weg zum Olymp.

Diese Verbindung bereichert die Bedeutung des Esels um einen neuen Aspekt. Die griechischen Bürger verachteten den Esel nicht nur wegen seiner Sturheit und seiner gesteigerten Sexualität, sondern auch deshalb, weil er im Gegensatz zum edlen Pferd das Tier der einfachen Handwerker und Bauern war. Gerade deshalb konnte er im auf den Kopf gestellten Weltbild des thiasos, der Parodie auf die Zivilisation, zum Reittier des Dionysos werden.

Hephaistos ist der einzige Gott, der mit seinen Händen arbeitet. Der Esel ist sein Tier: Beide arbeiten hart, beide werden von der Aristokratie verachtet, und doch sind beide unverzichtbar.

Dionysos machte dieses störrische, verachtete und dennoch unverzichtbare Tier zum Hauptakteur seines Gefolges und seiner Prozessionen und verspottete damit die gesellschaftliche Elite. Die Reise auf dem Rücken eines Esels war eine Hymne auf die dionysische Freiheit: ein Symbol dafür, dass im Reich des Weins und des Rausches auch die Letzten die Ersten werden können und dass selbst das verachtetste Geschöpf in die unmittelbare Nähe des Gottes gelangen kann.

Add comment