Holbein in Ferihegy

Holbeins Gesandte von 1533 sind wohl das berühmteste Beispiel für Anamorphose. Diese Perspektivtechnik zeigt ein Objekt aus einem so ungewöhnlichen Winkel, dass es nur aus dem richtigen Blickpunkt erkennbar wird. Die verzerrte, längliche Form, die vor den Gesandten schwebt, wird nur aus einer exakten Seitenansicht als Schädel sichtbar. Deshalb nehmen viele Forscher an, dass das Gemälde ursprünglich in einem Treppenhaus hing: Die Besucher sahen beim Hinaufgehen zuerst den schräg schwebenden Schädel, und erst vor dem Bild stehend erkannten sie die Gesandten.

Der Schädel aus dem richtigen Blickwinkel

Etwas sehr Ähnliches erwartet die Besucher im Terminal 2B des Flughafens Ferihegy (offiziell Budapest Liszt Ferenc Flughafen). Zunächst sieht man eine kleine Ausstellung von Musikinstrumenten. Wenn man überhaupt etwas denkt, dann vermutlich, dass es sich um eine Hommage an den Namensgeber des Flughafens, den großen Pianisten Franz Liszt, handelt – wobei man sich unweigerlich fragt, warum ausgerechnet kein Klavier dabei ist. Doch wenn man weitergeht und genau vor die Installation tritt, löst sich das Rätsel: Aus diesem exakten Blickwinkel fügen sich die Instrumente plötzlich zum Porträt des Musikers selbst zusammen.

Die Installation wurde zum 75-jährigen Jubiläum von Ferihegy am 19. Dezember 2025 vom tschechischen Anamorphose-Künstler Patrik Proško geschaffen, der bereits zahlreiche ähnliche Werke von Prag bis Ankara realisiert hat – darunter ein Porträt von Präsident Havel am nach ihm benannten Prager Flughafen sowie weitere Arbeiten im Prager Museum für Illusionskunst. Leider steht all das nicht neben der Installation erklärt.

Und schade, dass sie die Installation im Passkontrollbereich des Terminals 2B versteckt haben – so können sie nur Passagiere sehen, die in den Nicht-Schengen-Raum fliegen.

Ich wollte diesen Beitrag eigentlich mit einem optimistischen Schluss beenden: Auch wer nicht durch die Passkontrolle geht, könnte sich dennoch persönlich vom Namensgeber des Flughafens verabschieden, denn seit dem 5. April 2011 saß vor dem Terminal die winzige Kolodko-Skulptur von Liszt, abflugbereit auf einem Koffer, mit einem aus Noten gefalteten Papierflugzeug zu seinen Füßen. Leider habe ich beim Nachsehen auf Köztérkép entdeckt, dass sie am 23. Oktober 2025 entfernt wurde. Die Flughafenleitung hat offenbar ein gutes Gespür für symbolische Daten, aber weniger für Humor. Vielleicht kehrt die Figur nach den Veränderungen vom 12. April doch noch zurück. Bis dahin ist eine Kopie in Uschhorod zu sehen, an der Uferpromenade – in einem ebenso passkontrollierten und zudem kriegsgeprägten Ukraine-Kontext, was sie noch weniger zugänglich macht als die Anamorphose im Terminal 2B.

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