O tempora. Die heutige feierliche Militärparade auf dem Roten Platz war nur noch ein grotesker Schatten ihrer selbst. Und auch dem Genossen Stalin bringt niemand mehr Blumen! Im vergangenen Jahr um diese Zeit umgab im monumentalen Treppenhaus des Stalin-Museums in Gori noch ein ganzer Kranzhain die Statue des Woschd’, und Eltern mit kleinen Kindern – die für den Feiertag kulturelle Programme geplant hatten – machten fröhlich Fotos mit ihr.
Aber heute lag nicht einmal mehr eine einzige Blume im Treppenhaus. Und drinnen schlief der Führer der Völker in vollkommener Stille, obwohl an genau diesem Tag einst lange Busreihen Menschen herbrachten, die niederknieten und die Bilder Stalins küssten.
Glücklicherweise haben sich nicht alle seiner Anhänger vom leuchtenden Fackelträger der Menschheit abgewandt. Vor dem Museum, neben Stalins ehemaligem Haus und dem leeren Sockel seiner monumentalen Statue, steht eine kleine Gruppe Hardcore-Fans aufgeregt mit Fahnen und Blumen, bereit zu feiern. Einige von ihnen kannten den Garant einer glücklichen Kindheit vielleicht schon seit ihrer eigenen Kindheit. Auf dem gewellten Blechzaun, der das Haus aus unbekannten Gründen umgibt, sind noch immer Stalin-Bilder zu sehen, sogar in Ikonenform mit Heiligenschein, wie ich bereits hier beschrieben habe.
Nur auf einer Bank sitzt eine wandernde, mönchsähnliche Gestalt, in ihr Buch vertieft, mit einer großen Christus-Fahne über die Lehne gebreitet – wie jene, die die Russen im Ersten Weltkrieg mit sich führten. Wer weiß, ob als Gegendemonstrant oder Sympathisant, oder einfach nach dem Prinzip: ein Verrückter macht hundert.
Der Dschigit, der eine Stalin-Gesichts-Siegesfahne schwenkt, posiert sofort, als er die Kamera bemerkt. Er zeigt seine Requisiten Stück für Stück. „Woher kommt ihr?“ „Aus Ungarn.“ „Ah, Viktor Orbán, haraso!“ „Der ist schon im Suppentopf“, sage ich – doch das gleitet an ihm vorbei, wie so vieles in der komplizierten Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Doch aus dieser komplizierten Geschichte tritt überraschend eine Figur hervor, die ihnen gewissermaßen Rückhalt gibt. Ganz zufällig stoßen wir auf den wahren Helden des Tages des Sieges. In seinem Heimatdorf Jvari steht er in einem vernachlässigten Park, sowohl als vollplastische Soldatenfigur als auch als Porträtbüste.
Erinnern sich noch einige an Meliton Kantaria? Dann musste man wohl aus sehr alten Russisch-Lehrbüchern gelernt haben. Der Georgier Meliton Kantaria und der Russe Michail Jegorow waren die beiden Rotarmisten, die am 30. April 1945 die rote Fahne auf dem Reichstag hissten – zumindest erklärte sie Stalin im Sinne des Nationalitätenausgleichs zu offiziellen Nationalhelden. Ein Foto davon gibt es jedoch nicht. Der offizielle Fotograf des Großen Vaterländischen Krieges, Jevgenij Chaldej, kam erst am dritten Tag in Berlin an. Um dennoch eine Reportage über das Ereignis zu liefern, auf das „seit 1400 Tagen gewartet wurde“, wählte er drei Soldaten zufällig für das inszenierte Foto aus. Später dramatisierte er es noch weiter, indem er die Fahne stärker neigte und Rauchwolken in den Hintergrund montierte. Außerdem entfernte er die Uhr vom rechten Handgelenk des „Kantaria“-Soldaten, da bereits eine zweite Uhr am linken zu sehen war. KI ante festam.
Doch gerade diese beiden Armbanduhren waren das authentischste historische Zeugnis des gesamten Bildes. Ein stilles visuelles Dokument, das auch durch mündliche Erinnerungen gestützt wird.
„Bis Weihnachten 1944 hatte sich die Front um Budapest geschlossen. Die Straßenbahn von Zugliget fuhr damals noch in die grünen Außenbezirke der Stadt. Die Linie, die in Friedenszeiten von Ausflüglern und Studenten genutzt wurde, war Ende Dezember 1944 zu einer Überlebensroute geworden.
An diesem Weihnachtsmorgen stiegen in einer ruhigeren Stunde einige sowjetische Soldaten in die aus Zugliget kommende Straßenbahn. Sie kamen nicht direkt von der Front, eher so, als wollten sie sich umsehen – aber sie hatten Waffen, und die Fahrgäste spürten sofort, dass dies keine gewöhnliche Kontrolle werden würde.
Die Soldaten sprachen wenig. Sie gingen durch den Wagen, ihr Blick blieb an den Metallglanz an den Handgelenken der Männer hängen – Armbanduhren, deutsche, schweizerische oder ungarische Fabrikate. Damals war eine Uhr nicht nur ein Gebrauchsgegenstand, sondern Wert, Prestige, oft einer der letzten Besitzstände, die jemand noch bei sich trug.
Die Sowjets blieben einzeln vor den Fahrgästen stehen, zeigten auf die Uhren – „Dawai tschasü!“ – und es gab keinen Widerspruch. Die Menschen legten ihre Uhren ab und gaben sie schweigend ab. Einige versuchten sie vielleicht zu verstecken, aber es hatte keinen Sinn. Die Soldaten wussten genau, wonach sie suchten.
Die ganze Aktion dauerte nicht lange. Die Straßenbahn hielt dabei nicht einmal an. Es war Weihnachten, doch Frieden und Festlichkeit wirkten fern – stattdessen lagen Angst, Ausgeliefertsein und die kalte Stille des Überlebens über dem Wagen.
Diese kleine Episode – das Einsammeln der Uhren in der Zugligeter Straßenbahn – steht in keinem Geschichtsbuch. Und doch lebt sie im Gedächtnis der Generationen weiter. Eine winzige Szene aus den Schrecken des Krieges, in dem Besatzung nicht nur politisch, sondern persönlich wurde. Als die Zeit – und das, was sie misst – jemand anderem gehörte.“


























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