Kirchen von Göreme 5. Pantokrator

 Die Pantokrator-Kirche („Kapelle 27“) liegt neben der Schlangen-Kirche und ist eine der kleinsten Kapellen im Freilichtmuseum von Göreme. Sie hat einen einfachen griechischen Kreuzgrundriss mit einer zentralen Kuppel und drei Apsiden im Osten. In der mittleren Apsis, über dem durch das Chorgewölbe getrennten Altar, befindet sich das größte und namensgebende Fresko der Kapelle: ein großer Pantokrator, Christus als Herrscher der Welt, mit erhobener rechter Hand zum Segen und einem Buch in der linken Hand.

An der rechten Wand vor dem Chorgewölbe befindet sich ein weiteres Fresko: der stehende Heilige Basilius in seiner üblichen Bischofs-Gewandung. Dass sein Bild in fast allen bisherigen Kapellen auftaucht, zeigt seine Bedeutung als lokaler Kirchenvater in Kappadokien und als Begründer des östlichen Mönchtums. Nach der Zeit der Bilderstürmerei scheinen er und der Pantokrator die ersten Ikonen gewesen zu sein in ansonsten geometrisch mit Kreuzen geschmückten Kirchen.   

Auf den Halbsäulen, die die Bögen der Kuppel stützen, ist ein naiv-rotes Kreuz mit drei Armen zu sehen, daneben zwei Inschriften: „Herr, hilf deinem Diener Michael“ und „Herr, hilf deinem Diener Thamadest“. Letzteres könnte im Zusammenhang mit der kleinen Grabkammer im Vorraum der Kapelle stehen.

Die kleine Kapelle wirkt bescheiden im Vergleich zu den reich dekorierten Kirchen im Tal der Tempel von Göreme, doch solche Kapellen machten den Großteil der hunderten kappadokischen Kirchen aus. Für die Mönche, Eremiten und die mit ihnen verbundenen Laien war der Ort entscheidend, um sich für ihre Rituale zu versammeln. Wenn ein Spender Geld für die Bemalung gab, erhöhte dies den Glanz des Ortes – wahrscheinlich jedoch nur für uns, die Nachgeborenen.

Nach der Pantokrator-Kapelle sieht man eine kleine, in den Felsen gehauene Tür, die stets verschlossen ist. Die Fachliteratur erwähnt keine Fresken darin. In der Lunette über der Tür sind jedoch einige einfache rote Symbole gemalt: ein Malteserkreuz in der Mitte, vielleicht eine Weltkugel links, ein Hahn rechts und darunter vielleicht ein Löwe. Die linear gezeichneten Symbole erinnern an die einfachen Glaubenszeichen der Ikonoklasmus-Zeit; der Hahn symbolisiert Wachsamkeit und das frühmorgendliche Gebet, ähnlich wie in der Barbara-Kapelle. Einen ähnlichen Hahn sehen wir später an der halb eingestürzten Vorhalle der Dunklen Kirche.

Die Bilder wurden ohne Putz direkt auf die bearbeitete Steinoberfläche gemalt, eine gängige Praxis der Zeit. Die Erbauer fügten einige Schutzzeichen auf der Fassade hinzu, die später von den Freskenkünstlern übermalt werden sollten. Hier kamen die Freskenmaler nie, sodass die ursprünglich temporären Zeichnungen dauerhaft wurden.

Nach der Kapelle mit dem Hahn öffnet sich die Trapeza, der Speisesaal der Mönche, mit angrenzender Küche. Der lange Tisch und die Bänke wurden direkt aus dem Fels gemeißelt. In der Mitte erkennt man die Spuren eines ehemals in den Boden eingelassenen Weinbehälters.

Die Mönche versammelten sich zweimal täglich zum gemeinsamen Mahl, das gleichzeitig liturgische Handlungen und gemeinschaftsstärkende Anlässe waren. Dabei wurden verstorbene Mitglieder erinnert: am 40. Tag nach dem Tod und an den Jahrestagen, ihre Namen wurden bei den nächsten Mahlzeiten vorgelesen. Es wurden Bibelstellen, Schriften des Heiligen Basilius oder Heiligenleben vorgelesen, denn wie es hieß: „Die Trapeza ohne Gottes Wort ist wie ein Stall.“ Und wenn man genau hinsieht, stimmt das tatsächlich.

Das spirituelle Vorbild des Mönchsmahls: das letzte Abendmahl, dargestellt im Fresko der Dunklen Kirche am Ende des 11. Jahrhunderts. Die Teilnehmer essen Fisch statt des biblischen Lammes, da der Gründonnerstag noch in die Fastenzeit fällt.

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