Ararat-Teppiche

Seit Tagen umrunden wir den Ararat, auf dem Weg vom Vansee nach Tao-Klardschetien, und bei den Teppichhändlern stoße ich immer wieder auf einen Teppichtyp, den ich zuvor noch nie gesehen habe. Auf dem Läufer folgen drei Toranj (rauten- oder sechseckförmige Medaillons) aufeinander, und in ihnen sowie um sie herum stehen zahlreiche kleine Tiere. Die Händler bieten diesen Typ unter dem Namen „Ararat-Teppiche“ an und behaupten, die Weberinnen hätten darauf die Tiere dargestellt, die aus der Arche Noah herausströmten.

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Die Tiere sind tatsächlich zahlreich, und wenn man die beiden Seiten der Achsensymmetrie des Teppichs betrachtet, stehen sie tatsächlich paarweise. Doch die Fachliteratur kennt keine „Ararat-Teppiche“. Wo der Begriff dennoch vorkommt, bezeichnet er entweder irgendeinen Teppich aus den kurdischen Dörfern des Araratgebietes, oder man erklärt ihn als eine typische Erfindung von Händlern: als Basarromantik, mit der die Ware in den Augen christlicher Käufer aufgewertet werden soll, als könnten sie ein Stück einer lokalen Tradition mit biblischen Wurzeln erwerben.

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Diese Tiere sind nicht diejenigen, die Noah vom Kommandodeck der Arche aus gesehen hat, sondern vor allem jene, die eine kurdische Teppichweberin im Hof ihres Hauses hätte sehen können. Es sind Tiere, die für sie und ihre Familie Überfluss, Wohlstand und Sicherheit bedeuteten, wie Schaf, Kamel und Ziege. Oder die darüber hinaus eine positive symbolische Bedeutung trugen: Das Pferd stand für Männlichkeit, Führungsstatus und Freiheit, der Pfau für das Paradies und die Erneuerung des Frühlings, der Hahn für den Sieg des Lichts, die Vögel für die menschliche Seele und ihre Verbindung mit dem Jenseits. Und natürlich der Löwe: Im Hof wäre er ein großes Unglück gewesen, auf dem Teppich jedoch wurde er zu einem mächtigen Beschützer. Diese Bedeutungen sind keine Erfindungen der Teppichhändler, sondern bewusste Bestandteile der Tradition der Herstellerinnen und der Erwartungen ihrer Auftraggeber.

Insofern sind es dennoch Ararat-Teppiche: Diese Läufer mit drei Toranj und einer Vielzahl von Tieren sind besonders charakteristisch für die nomadischen Teppichweber dieser Region: für die kurdischen Stämme an der West- und Ostseite des Ararat, für die Shahsevan im benachbarten iranischen Grenzgebiet und für die Qashqai, die von hier nach Südiran weiterwanderten. Sie lebten in einer unmittelbaren, alltäglichen und beinahe spirituellen Beziehung zu den Tieren und konnten sich gegenüber dem disziplinierten Stil der Handwerker in den Oasenstädten, die häufig Musterbüchern folgten, diese freie, spielerische Improvisation erlauben. Und zu ihren Geweben gehört auch dieser horror vacui: die Notwendigkeit, jeden kleinen freien Raum mit einer lebendigen Fülle kleiner Figuren auszufüllen, die positive Bedeutungen tragen und vor Unheil schützen.

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