Salvador Dalí (katalanisch, Costa Brava) und Tamazi Arabovi (jesidischer Kurde, Tiflis) malen dasselbe Modell mit hundert Jahren Abstand.
Auf einem Platz in der Altstadt, wie an so vielen anderen Orten in Tiflis, bietet ein einheimischer Maler seine Bilder an, die er an eine Hauswand gehängt oder daran angelehnt hat, ganz im Stil von Pirosmani. Ich fotografiere zwei davon: Auf dem einen malen Picasso und Dalí, auf dem anderen Pirosmani und Picasso dasselbe Modell – jeder auf seine eigene Art und in seinem eigenen Stil völlig unterschiedlich.
Als der Maler mein Interesse bemerkt, schenkt er mir ein Kartenset. Auf den sechzehn Karten malen jeweils zwei (manchmal drei) Künstler dasselbe Modell auf unterschiedliche Weise. Er schlägt mir ein Spiel vor: Wenn ich alle Künstler erkenne, darf ich das ganze Set kostenlos behalten. Bei den westeuropäischen Malern komme ich noch ganz gut zurecht, und auch die russischen Klassiker erkenne ich, aber bei zeitgenössischen georgischen, ukrainischen und russischen Künstlern bin ich ratlos. Und zu allem Überfluss tauchen auch noch zwei kurdische (!) Maler auf. Wer sind denn die?
Es stellt sich heraus, dass Tamazi Arabovi, ein international anerkannter Maler mit zahlreichen Ausstellungen und Auszeichnungen in Westeuropa, Mitglied der kurdischen jesidischen Gemeinschaft ist, die vor zweihundert Jahren nach Georgien geflohen ist. Als er mein Interesse und meine kurdische Hose sieht, zeigt er mir weitere Gemäldeserien über die Flüchtlinge des Sinjar-Massakers von 2014 sowie über kurdische Hochzeiten in Tiflis, darunter auch seine eigene.
Als die Terroristen des IS die in der Ninive-Ebene gelegene Region Sinjar (Şengal/Shangal) eroberten, ermordeten sie Tausende jesidisch-kurdische Männer und verschleppten Zehntausende Frauen und Kinder in die Sklaverei, insbesondere in die sexuelle Sklaverei. Die Jesiden von Tiflis waren schon viel früher, im 19. und 20. Jahrhundert, vor ähnlichen Verfolgungen in den Kaukasus geflohen.
Kurdische Hochzeiten und Figuren der kurdischen Gemeinschaft in Tiflis. Darunter eine Videoaufnahme einer kurdischen Feier im Hof des jesidischen Tempels in Tiflis.
Im Hintergrund der Bilder tauchen die Umrisse des jesidischen Tempels und des Gemeindezentrums in Tiflis auf, ebenso wie zahlreiche bekannte lokale Persönlichkeiten, die Tamazi einzeln identifiziert. „Das hier ist unser Anführer, er ist so etwas wie …“, zögert er, „wie der Wajda bei den Roma. Wenn du das nächste Mal kommst, stelle ich dich ihm vor.“ Von Zeit zu Zeit wechseln wir ins Kurdische, doch er spricht einen sehr archaischen Dialekt des Kurmandschi. Wir sprechen ausführlich über die Orte und die Situation der Kurden im Südosten der Türkei und im iranischen Kurdistan, die ich kenne. Er gibt mir seine Telefonnummer, und wir vereinbaren, dass ich bei meinem nächsten Besuch in Tiflis mindestens ein oder zwei Tage einplane, damit er mir die Orte und Persönlichkeiten der etwa dreitausend Menschen umfassenden kurdischen Gemeinschaft der Stadt zeigen kann.





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