Der Ruf des Sumpfes

Ich glaube nicht, dass es viele Menschen gibt, die die inoffizielle Hymne des tschechoslowakischen Volkes nicht kennen, vorgetragen von ihrem gefeierten Star Ivan Mládek, der selbst dieses Lied so bezeichnete. Für all jene stelle ich es hier mit Video, Transkription und Übersetzung bereit.

Jedu takhle tábořit Škodou 100 na Oravu
Spěchám, proto riskuji, projíždím přes Moravu
Řádí tam to strašidlo, vystupuje z bažin
Žere hlavně Pražáky, jmenuje se Jožin

[refrén 1]
Jožin z bažin močálem se plíží
Jožin z bažin k vesnici se blíží
Jožin z bažin už si zuby brousí
Jožin z bažin kouše, saje, rdousí
Na Jožina z bažin, koho by to napadlo
Platí jen a pouze práškovací letadlo

Projížděl jsem dědinou cestou na Vizovice
Přivítal mě předseda, řek mi u slivovice
"Živého či mrtvého Jožina kdo přivede
Tomu já dám za ženu dceru a půl JZD"

[refrén 1]
Jožin z bažin močálem se plíží
Jožin z bažin k vesnici se blíží
Jožin z bažin už si zuby brousí
Jožin z bažin kouše, saje, rdousí
Na Jožina z bažin, koho by to napadlo
Platí jen a pouze práškovací letadlo

Říkám: "Dej mi předsedo letadlo a prášek
Jožina ti přivedu, nevidím v tom háček."
Předseda mi vyhověl, ráno jsem se vznesl
Na Jožina z letadla prášek pěkně klesl

[refrén 2]
Jožin z bažin už je celý bílý
Jožin z bažin z močálu ven pílí
Jožin z bažin dostal se na kámen
Jožin z bažin tady je s ním amen
Jožina jsem dohnal, už ho držím, johohó
Dobré každé lóvé, prodám já ho do ZOO

 

Ich fahre mit einem Škoda 100 zum Zelten nach Orava
Ich habe es eilig, deshalb wage ich es, durch Mähren zu fahren
Doch dort treibt dieses Ungeheuer sein Unwesen, das aus den Sümpfen steigt,
es frisst vor allem Prager, und es heißt Jožin

[Refrain 1]
Jožin aus den Sümpfen schleicht durch das Moor
Jožin aus den Sümpfen nähert sich dem Dorf
Jožin aus den Sümpfen wetzt schon seine Zähne
Jožin aus den Sümpfen beißt, saugt und würgt.
Gegen Jožin aus den Sümpfen, wer hätte das gedacht,
hilft nur und ausschließlich ein landwirtschaftliches Sprühflugzeug.

Ich fuhr durch ein Dorf auf dem Weg nach Vizovice.
Der Vorsitzende der Genossenschaft begrüßte mich und sagte bei einem Glas Slivovitz:
„Wer mir Jožin lebend oder tot bringt,
dem gebe ich meine Tochter zur Frau und die Hälfte der LPG.“

[Refrain 1]
Jožin aus den Sümpfen schleicht durch das Moor
Jožin aus den Sümpfen nähert sich dem Dorf
Jožin aus den Sümpfen wetzt schon seine Zähne
Jožin aus den Sümpfen beißt, saugt und würgt.
Gegen Jožin aus den Sümpfen, wer hätte das gedacht,
hilft nur und ausschließlich ein landwirtschaftliches Sprühflugzeug.

Ich sagte: „Gib mir, Genosse Vorsitzender, ein Flugzeug und Sprühpulver,
und ich bringe dir Jožin, ich sehe darin kein Problem.
Der Vorsitzende stimmte zu, am Morgen hob ich ab,
und vom Flugzeug aus ließ ich schön das Pulver auf Jožin herabregnen.“

[Refrain 2]
Jožin aus den Sümpfen ist jetzt ganz weiß
Jožin aus den Sümpfen eilt aus dem Moor heraus
Jožin aus den Sümpfen ist auf einen Felsen geklettert
Jožin aus den Sümpfen, hier ist es aus mit dir.
Ich habe Jožin aus den Sümpfen eingeholt, ich halte ihn schon fest, juhu!
Jedes Geld ist willkommen, ich verkaufe ihn an den Zoo.

Das Lied ist insofern ausgesprochen tschechoslowakisch, als für die Prager die ferne mährische, ja sogar slowakische Gegend – das Grenzstädtchen Vizovice, Sitz der Rudolf-Jelínek-Pflaumenbrennerei – bereits die Möglichkeit solcher exotischen Abenteuer birgt. In den tschechischen Text mischen sich mährische und slowakische, ja sogar ungarisch-romaneske Dialektwörter – etwa lóvé („Geld“) –, wodurch der Eindruck entsteht, dass die Geschichte irgendwo am Rand der bekannten Welt spielt.

Ivan Mládek hat die Geschichte in mehreren Interviews erzählt: Im Herbst 1977 traten sie in Zlín – dem damaligen Gottwaldov – auf. Nach dem Konzert kam im Hotel Moskwa ein örtlicher Musiker und Spaßmacher namens Zdeněk Navrátil, bekannt unter dem Spitznamen Kňučík („Nörgler“), auf sie zu und machte folgende Wette:

„Wenn du ein Lied über Jožin aus dem Moor schreibst, bekommst du einen Demijohn Pflaumenschnaps.“

Mládek nahm die Wette an.

Ursprünglich war Jožin ein örtlicher Exhibitionist, der die Arbeiterinnen der örtlichen Schuhfabrik erschreckte. Erst Mládek verwandelte ihn in einen provinziellen Sumpfdrachen, den der sozialistische Prager Sankt Georg nicht mit einer heiligen Lanze, sondern mit Hilfe eines Agrarflugzeugs besiegt.

Mládek erzählte später auch, dass er tatsächlich den Demijohn Vizovicer Pflaumenschnaps erhielt. Ja, als das Lied in den 2000er Jahren in ganz Mittel- und Osteuropa zu einem Meme wurde, brachte er selbst einen Demijohn zu Kňučík. Und als Metallica das Lied bei ihrem Prager Konzert im April 2018 spielte, lobte Mládek besonders ihre tschechische Aussprache.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass das wunderschön illustrierte Kinderbuch mit dem an den Liedtitel erinnernden Titel Der Ruf des Moores in Český Krumlov nicht auf Tschechisch (Volání bažin), sondern auf Slowakisch (Volanie močiara) erhältlich ist.

„Müssen wir denen ähneln, die wir lieben?“

Diese Geschichte hat einen völlig anderen Ton als sowohl Mládeks Lied als auch das kürzlich auf Estnisch gehörte Der Ruf des Moores. Hier geht es um einen kleinen Jožin – im Buch Boris genannt –, den kinderlose Eltern am Rand eines Moores mit Kiemen und Schuppen finden und mit großer Liebe wie ihr eigenes Kind aufziehen. Auf den Ruf des Moores hin kehrt er jedoch dorthin zurück, um seine Wurzeln zu finden. Schließlich erkennt er aber, dass Heimat nicht dort ist, wo Wesen wie man selbst leben, sondern dort, wo man geliebt wird und selbst lieben kann.

„Als seine Eltern ihn fanden, hatten sie keine Kinder. Sie waren sehr unglücklich, weil die Ärzte ihnen gesagt hatten, dass sie keine eigenen Kinder bekommen könnten. Deshalb fühlten sie sich, als sie eines Tages ein Baby in der Nähe des Moores sahen, als hätten sie ein Geschenk des Himmels erhalten. Sie bemerkten nicht einmal, dass der kleine Junge Kiemen wie ein Fisch hatte [genauer gesagt wie ein Axolotl], und sie wussten nicht, ob ihn jemand verlassen hatte oder ob er seine Eltern verloren hatte. All das war nicht wichtig. Sie hatten ihn gefunden, und sie gaben ihm den Namen Boris.“

„Boris wuchs und wuchs. Es spielte keine Rolle, dass seine Augen viel größer waren als die der anderen Kinder. Er spielte, aß und lachte wie alle anderen. Er lernte Fahrrad fahren und auf Bäume zu klettern, genau wie seine Freunde. Er begann, zur Schule zu gehen und nützliche Dinge zu lernen – und auch einige weniger nützliche.“

„Die Zeit verging. Wir können sagen, dass es glückliche Jahre waren, oder zumindest keine unglücklichen.“

„Eines Tages geschah etwas Ungewöhnliches. Der Wind erhob sich, und die Luftströmung brachte einen eigenartigen Geruch nach Sumpf mit sich. Man könnte meinen, dass der Junge diesen Duft bereits vergessen hatte und er ihm unbekannt war. Aber nein! Es war ein vertrauter Geruch, tief verborgen am Grund seiner Erinnerungen. Er stammte aus jener Zeit, als er noch klein gewesen war. Der Geruch des Sumpfes, erinnerte er sich.
Boris begann darüber nachzudenken, was geschehen wäre, wenn er damals im Sumpf geblieben wäre.
– Mama, warum habt ihr mich aufgenommen?
– Weil wir dich geliebt haben.
– Aber warum habt ihr mich nicht dort gelassen, wo ich war?
– Weil es gefährlich war, du hättest sterben können – antwortete sein Vater.“

„Viele Fragen gingen dem kleinen Jungen durch den Kopf. Er war glücklich und dankbar für das, was er hatte. Aber die Gedanken ließen ihn nicht los. Er konnte nicht schlafen; mitten in der Nacht wachte er auf und hatte das Gefühl, nicht atmen zu können. Er wollte trinken. Er hatte immer großen Durst.“

„Eines Morgens verließ Boris das Haus und machte sich auf den Weg. Er ging und ging, bis er schließlich spürte, dass seine Füße nass waren. Da erkannte er, dass er den Sumpf erreicht hatte. Der vertraute Geruch hatte ihn dorthin geführt.“

„Boris war überzeugt, dass er bis zu diesem Zeitpunkt das Leben eines anderen gelebt hatte. Ein Leben, das nicht zu ihm gehörte. Er war darin ein Fremder. Denn seine Welt war der Sumpf. Der Duft, den er einatmete, war der wunderbare Duft des Sumpfes. Er musste unter denen leben, die dieselben Kiemen hatten wie er.
Boris ahnte nicht, dass es jemanden geben konnte, der ihm ähnlich war. Er erkannte, dass im Sumpf viele lebten, die so waren wie er: mit Kiemen und großen Augen. Es war wunderschön zu entdecken, dass ihnen dieselben Dinge gefielen! Süß war die Freude, als sie gemeinsam lachten – mit einem Lachen, das Boris zuvor niemals gekannt hatte. Ja, er hatte seine wahre Familie gefunden.“

„Seine Eltern jedoch hatten ihn nicht vergessen. Oft gingen sie zum Sumpf und hinterließen für ihn Botschaften, die sie an die Bäume hängten.
Aber dort stand nicht:
Bitte, komm nach Hause.
Die Botschaften lauteten:
Wenn du dort glücklich bist, wo du bist, sind auch wir glücklich.

„Sind diejenigen, die uns ähneln, wirklich wie wir? Das ist schwer zu sagen.
Einige Tage vergingen, und Boris begann die Unterschiede zwischen sich und jenen wahrzunehmen, die ihm noch vor Kurzem vollkommen ähnlich erschienen waren. Sie aßen nicht dieselben Dinge, sie sprachen mit anderen Worten. Selbst ihr Lachen war irgendwie anders.
Plötzlich spürte er, dass ihm der Geruch von Zuhause fehlte. Aber es war nicht der Duft des zubereiteten Essens. Er verspürte Heimweh. Die Sehnsucht nach Zuhause hatte einen guten Geruch und erinnerte ihn an glückliche Momente.“

„Boris verließ auch seine neue Familie.
Er dachte: ‚Ich bin anders, vielleicht muss ich allein leben. Deshalb wurde ich ohne Familie geboren, deshalb habe ich keine eigene Familie.‘ In diesen Gedanken versunken, tauchte er in das Wasser des Sumpfes hinab und ging langsam auf dessen Grund entlang, bis er schließlich völlig aus dem Blickfeld verschwand.“

„Auf dem Grund des Sumpfes erblickte Boris zahlreiche Flaschen. Es schien, als wären sie leer, doch das waren sie nicht. In jeder einzelnen Flasche verbarg sich eine kleine zusammengerollte Papierrolle. Auf allen Zetteln stand geschrieben:
Wenn du dort glücklich bist, wo du bist, sind auch wir glücklich.

„Müssen wir denen ähneln, die wir lieben? Diese Frage ließ Boris nicht zur Ruhe kommen. Sie summte in seinem Kopf wie eine freche Fliege.
Seine Eltern liebten ihn, auch wenn sie keine Kiemen hatten; es war ihnen nicht wichtig, ob er ihnen ähnlich sah oder nicht.
Vielleicht ist es einfacher, diejenigen zu lieben, die wollen, dass wir sie lieben.
Während Boris darüber nachdachte, erreichte er das Ufer des Sumpfes. Plötzlich blieb er stehen und atmete ein letztes Mal den stechenden Geruch des Sumpfes ein.
Dann machte er sich auf den Weg zur Stadt.“

Eines der wichtigsten Motive surrealistischer oder magisch-realistischer Illustrationen ist die Flaschenpost, mit der in ihr eingeschlossenen Welt. Obwohl der Illustrator kein Tscheche, sondern Italiener ist, steht dieses Motiv doch in enger Verbindung zu jener Flaschenpost, die wir zuvor in den Illustrationen von Pavel Čech zu dem Band Das Salzwassermeer gesehen haben. Beide Werke bringen dieselbe grundlegende Erfahrung zum Ausdruck: den sorgsam gehüteten, zugleich aber auch als eingeschlossen empfundenen Mikrokosmos, mit denselben Codes der mitteleuropäischen Melancholie und demselben Erbe des tschechischen Surrealismus – Jan Švankmajer, Jiří Trnka –, das auch Marco Somà vertritt. Die in einer Flasche eingeschlossene Welt ist ein universelles Denkmal für die widersprüchlichen und doch zutiefst vertrauten Gefühle von Fernweh und Heimweh, von Liebe und Einsamkeit – und in dieser künstlerischen Sprache gehört die tschechische Kultur historisch zu den ausdrucksstärksten der Welt.

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